NTZ 04.01.2019: Eine Ausbildung für zwei Berufe

Von Roland Kurz

Campus für Pflegeberufe im Kreis Esslingen: Fritz-Ruoff-Schule und Medius-Kliniken bereiten die generalistische Ausbildung vor

Ab 2020 wird es für Altenpflege und Krankenpflege nur noch einen Ausbildungsgang geben. In Nürtingen bereiten die Medius-Klinik und die Fritz-Ruoff-Schule den Pflege-Campus vor. Auszubildende an der Fritz-Ruoff-Schule haben schon jetzt die Möglichkeit, mit zusätzlichen sechs Monaten den Abschluss in Krankenpflege zu machen.

Zu einer Ausbildung in einem Pflegeberuf gehören unterschiedlichste Aufgabenfelder. Foto: Bulgrin

Ab 2020 wird die Ausbildung in der Krankenpflege und in der Altenpflege zu einem Ausbildungsgang vereint. Die Lehreinrichtungen im Kreis Esslingen begrüßen diese Reform, denn die Medius-Kliniken und die Fritz-Ruoff-Schule Nürtingen kooperieren bereits seit zehn Jahren. Jetzt bereiten sie einen gemeinsamen Bildungscampus für Pflegeberufe vor.

Befürchtungen, dass Schüler durch die erweiterten Curricula überfordert werden oder der Personalmangel in der Altenpflege dadurch steigen könnte, teilt die Schulleitung nicht. Die Frage sei vielmehr: Wie kommt man an die jungen Leute ran?

Klassenlehrerin Simone Singer-Lang steht am Whiteboard und erläuterte den 17 Auszubildenden die Funktionsweise der Luftröhre. Zwölf Schülerinnen und fünf Schüler, zwischen 20 und etwa 40 Jahre alt, schauen auf ihr Tablet, wo die Luftröhre ebenfalls abgebildet ist. An der Fritz-Ruoff-Schule ist man stolz, eine von zwei Modellklassen im Land zu haben, die mit Tablets Medienkompetenz vermitteln.

Zeitgemäße Unterrichtsmethoden hält man für ein Mittel, die Pflegeberufe attraktiv zu machen. An der Nürtinger Schule ist man außerdem stolz darauf, dass man seit zehn Jahren mit dem benachbarten Krankenhaus kooperiert. So wurde die Reform ein Stück weit vorweg genommen. Nach der dreijährigen Ausbildung in der Alten- beziehungsweise der Krankenpflege konnten die Auszubildenden noch ein halbes Jahr in der anderen Fachrichtung anschließen.

Die Nachfrage hat laut Schulleiterin Silvia Blankenhorn allerdings nachgelassen. Nur noch fünf haben zuletzt den generalistischen Weg eingeschlagen, zeitweise waren es zehn bis zwölf Generalisten. Das liege am zusätzlichen halben Jahr, glaubt Blankenhorn.

Ab September 2020 wird die generalistische Ausbildung zur Pflegefachfrau und zum Pflegefachmann bundesweit eingeführt. „Das werden echte Generalisten, weil von Anfang an so unterrichtet wird“, sagt Yvonne Thoma, die Abteilungsleiterin Pflege an der Ruoff-Schule. Der Lehrplan ist allerdings noch nicht fertig. Fest steht, dass im dritten Ausbildungsjahr eine Differenzierung stattfindet.

Wie viele sich in Richtung Klinik und wie viel in die Altenpflege wollen, können Schul- und Klinikleitung nicht einschätzen. Vermutlich wollen mehr ins Krankenhaus, weil man dort mehr verdient, glaubt Peter Näser, der bei den Medius-Kliniken für die Zusammenführung der Ausbildung zuständig ist. Kritiker hatten als Argument gegen das neue Gesetz ins Feld geführt, dass dadurch der Mangel in der Altenpflege verschärft werde.

Der demografische Wandel erfordert mehr Pflegepersonal

Dass Auszubildende durch zusätzliche Lehrinhalte überfordert werden könnten, befürchtet Thoma nicht. Schwächere Schüler könnten nach zwei Jahren entscheiden, ob sie „nur“ den Abschluss Altenpflege machen wollen. Schulleiterin Blankenhorn denkt an ein Netzwerk, mit dem einzelne Schüler gestützt werden. „Wir wollen keinen verlieren.“

Zuerst müssen sie aber Schüler gewinnen. Der demografische Wandel erfordert mehr Pflegepersonal. Neben der generalistischen Ausbildung setzt die Schule auf ein differenziertes System. Das fängt bei der Ausbildung zur Alltagsbetreuerin an, die man sogar ohne Schulabschluss beginnen kann. Es interessieren sich aber immer weniger dafür, weil es nur rund 600 Euro monatlich gibt.

Eine Stufe höher liegen die Ausbildungsgänge zur Altenpflegehilfe. Personen mit Migrationshintergrund können dazu parallel Deutsch lernen. Dass die Helfer-Ausbildung nicht in jedem Fall den Aufenthaltsstatus verbessert, findet Yvonne Thoma frustrierend. Die Helfer seien nach wie vor nötig, betont Näser. Für mache Menschen sei der Beruf attraktiv, weil er die Nähe zum Patienten biete. Außerdem könne es der Einstieg zur weiteren Qualifizierung sein.

Mit dem Hinweis auf Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten wollen Schulleitung und Klinik auch mehr Männer in den Pflegebereich locken. Theoretisch können Pflegefachkäfte den Fachhochschulabschluss und über ein Fernstudium den Bachelor „Health Care Studies“ machen, ja sogar einen Masterabschluss draufsatteln. Als weiteren Pluspunkt sieht man in Nürtingen die örtliche Nähe von Klinik und Schule. Den „Bildungscampus für Pflegeberufe“ – von einem Team geleitet und praxisnah – wünschen sich beide Einrichtungen herbei.


Info: Viele Wege führen in den Pflegeberuf

Am Donnerstag, 10. Januar, lädt die FritzRuoff-Schule um 18 Uhr zum Info-Abend für alle Schularten ein. Ab 19 Uhr Infos zu den Pflegeberufen.
Alltagsbetreuer/in: Für diese zweijährige Ausbildung wird kein Schulabschluss benötigt. Vermittelt werden Fertigkeiten für haushaltsnahe und pflegenahe Dienstleistungen.
Altenpflegehelfer: Einjährige Berufsfachschule oder zweijährige BFS für Personen mit Migrationshintergrund.
Gesundheits- und Krankenpflegehelfer: Zweijährige Schule für Pflegeberufe.
Altenpflege: Dreijährige Berufsfachschule. Voraussetzung: Realschule oder Hauptschule plus zweijährige Berufsausbildung oder Hauptschule plus Ausbildung zum Pflegehelfer. Ergänzende sechsmonatige Ausbildung zu Zweitberuf Gesundheits- und Krankenpflege.
Gesundheits- und Krankenpflege: Dreijährige Ausbildung an den Medius-Kliniken. Ab dem zweiten Ausbildungsjahr ist durch Kooperation mit Fern-Uni ein Bachelor Health Care Studium möglich.
Pflegefachfrau/Pflegefachmann: Ab September 2020 generalistische, dreijährige Ausbildung am Pflegecampus Nürtingen.

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